Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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In Trauer um Edison
Es erklang gerade die Stimme von Faten Hamama, wie das Rascheln eines zarten Blattes, und umspielte die Fotografien, die im Wohnzimmer an der Wand hingen, als mit einem Mal der Strom ausfiel. Der leuchtende Bildschirm wurde zu einem Punkt, der rasch ganz verschwand. Die Atemzüge der Klimaanlage verstummten und für Sekunden breitete sich in dem Haus Stille aus, während die Dunkelheit sich in den Zimmern mit gieriger Freude ausbreitete und jeden darin umlagerte.
Fast zeitgleich ertönte das gähnende Geräusch der Türen, das so klang, als wäre jemand soeben aus seinem Schläfchen aufgeweckt worden. Sie öffneten sich und entließen ihre Bewohner. Zuerst war das Husten des Vaters zu hören, dann das Gemurmel der Mutter, die ihn dahin lotste, wo Tisch und Stühle standen. Schließlich mischten sich die Stimmen der anderen: einer murrte über die drückende Hitze, ein anderer verfluchte diese Nacht, wieder ein anderer suchte nach einer Kerze.
Als der Vater sich nach vorn tastete, stieß seine Hand an den Körper seines ältesten Sohnes.
»Bist du’s?«, rief er und fügte die Frage an, warum er dem Mittagessen fern-geblieben sei. Fast hätte er ihn noch etwas anderes gefragt, wenn sein Sohn ihn nicht unterbrochen und – vielleicht schon zum vierten Mal in diesem Semester – daran erinnert hätte, dass die letzte Vorlesung am Dienstag doch länger dauert als vorgesehen. Darauf drehte er sich um, um zu orten, woher die Stimme seiner Schwester kam, die nach dem Warum fragte.
»Habe ich euch nicht mehr als einmal mitgeteilt, dass der Dozent sehr langsam spricht und wegen eines Sprachfehlers stottert, was aus einer Stunde Vorlesung zwei oder manchmal sogar drei macht?«
Trotzdem fand er, wie er ihnen gegenüber nun einräumte, dass die Vorlesung dieses Dozenten die spannendste von allen war und sogar Studenten außerhalb seiner Fakultät anzog.
Sein mittlerer Bruder stand immer noch unweit seiner Zimmertür und warf ein, er habe auch einen Freund, der merklich und andauernd stottere, weil er in frühester Kindheit seine Mutter durch einen Unfall verloren habe. »Ich meine Adel. Erinnerst du dich an ihn, Mutter?«
»Wo ist denn eigentlich dieser Freund von dir?«, fragte ihn seine Mutter, die sich erinnerte, dass sie tatsächlich ein Kind kennt, auf das die Beschreibung passt und das ihren Sohn früher öfters besucht hatte. Doch als sie sein Aussehen beschrieb, entgegnete ihr der Sohn, dass jener kein Kind mehr sei und sein Vater ihm vor ein paar Wochen ein Auto gekauft habe. Daraufhin begann er darüber zu meckern, dass er schon 17 sei und trotzdem noch kein Auto habe. Ja, er meckerte darüber, dass er überhaupt in allem nur Pech habe, und dass ihn seine Augen, aus denen er die Kontaktlinsen herausgenommen hatte, in der Dunkelheit im Stich ließen.
Seine Schwester hatte sich den Weg in die nahe Küche ertastet und durchwühlte nun klappernd die Schubladen auf der Suche nach einer Kerze.
»Es kann doch nicht sein, dass im Haus keine Kerze ist. Die Küche von Oma ist voll von Kerzen.«
Der älteste Sohn lachte lauthals: Was sollte seine Oma denn mit den Kerzen schon anfangen?
Der Vater, der sich auf den nächsten Stuhl gesetzt hatte, beteiligte sich ebenfalls am Gespräch und ließ sie wissen, dass ihre Großmutter nach einem Gruppenfoto von ihnen gefragt hätte, um es in ihrem Wohnzimmer aufzuhängen. Seine Tochter antwortete von dort, wo sie stand, dass sie ihre Großmutter seit mehr als einem Monat nicht mehr gesehen habe. Und an jenem Abend, als diese die Familie besucht hatte, habe sie geschlafen.
»Lasst uns doch alle mal an einem Tag zusammen zu ihr fahren und sie besuchen. Sie wird sich darüber freuen«, sagte die Mutter. Das Gespräch hatte die Dunkelheit in den Hintergrund gedrängt, und eine zauberhafte Vertrautheit erwuchs zwischen den fünf Schatten, bis die Tochter vorschlug, alle sollten sich zur Haustür tasten, da es im Haus offenbar nicht die Spur einer Kerze gab. Langsam tappten ihre Füße in dieselbe Richtung.
Draußen standen die Nachbarn verstreut vor ihren Türen, und ihre Stimmen hallten kreuz und quer durch die Luft. Und da die Mutter ganz und gar überrascht wurde, als sie ihren Kopf hob und im Himmel eine Weite erblickte, die sie seit ihrer Jugend nicht mehr gesehen hatte, teilte sie es ihrer Tochter mit, so als ob sie alte Freundinnen wären. Das Mädchen schloss entzückt die Augen und rief: »Oh! Ich würde mich jetzt gerne in eine Taube verwandeln.« Dann sagte sie, die Augen immer noch geschlossen: »Weißt du was, Mutter? Im sechsten Schuljahr hatte ich ein hübsches Mädchen in der Klasse, die hieß Hamama. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ihre Mutter ihr einen solchen Namen geben konnte ... Ich habe mich nie getraut, sie zu fragen. Wo mag sie jetzt wohl sein?«
Der Vater hatte sich einen seiner Nachbarn ausgewählt, mit dem er Erinnerungen austauschte, die er weit weg gewähnt hatte, die aber nun mit der Kraft des Feuers empor strömten. »Die Nächte, als wir auf den Dächern schliefen – erinnerst du dich?« Der Nachbar lachte und rief die Erinnerung wach, wie hingebungsvoll seine Mutter – Gott sei ihr gnädig – ihnen den Sommer hindurch das Bett unter dem Dach des Himmels bereitet hatte. Und an seine Tante, die so versessen auf Geistergeschichten war, und ...
In genau diesem Augenblick kam dem ältesten Sohn plötzlich die Idee. Wie die Nachbarn so vor ihren Haustüren herumstanden, sah er die passende Gelegenheit, einen Blick auf die Tochter des Nachbarn im dritten Haus nebenan zu erhaschen, von der er seine Mutter so reden gehört hatte, wie ein Geschichtsschreiber von einem Mythos spricht, der ihn in den Bann geschlagen hat. Seine anfangs kleinen Schritte wurden allmählich größer, und als er seinen Vater hinter sich gelassen hatte, nahm er sofort die Schachtel Marlboro aus der Tasche. Vor sich hinsummend schaute er sich vor jedem Haus um.
Die Musik der sich überlagernden Stimmen ergab eine seltsame Mischung:
»Ich träume immer noch davon, eine Taube zu sein« ... »Der elektrische Strom ist zu einem Gespinst der Einbildung geworden«. »Mohammed arbeitet jetzt in der Bank« ... »Welche Naurah?« ... »Sie ist vor Monaten mit ihren beiden Töchtern umgezogen« ... »Er sieht jetzt ganz anders aus, seit er sich den Bart hat wachsen lassen und die Dishdasha3 kürzer trägt« ... »Nimm die Handynummer« ... »Die frische Luft tut gut« ... »internetsüchtig« ... »Bitte besuch uns doch mal irgendwann« ... »Sein Vater weiß nicht mehr weiter mit ihm« ... »Ahmed« ... »Ahmed« …
Wie ein Schrei brach plötzlich das Licht herein, und das allgemeine Gemurmel brach ab. Mit ihren eigenen Augen sah die Nacht, wie die Füße wieder zum Rückzug in ihre Häuser zurückschritten, die Reste ihrer Gespräche hinter sich herziehend. Und in jenem Haus ging ein jeder in sein Zimmer. Dieses Mal vergaß der Vater auf dem Weg zu seinem Zimmer nicht, den Fernseher auszuschalten.
Aus dem Arabischen von Thomas Weische
Aus Dau’ yadhhabu lin-naum
(Licht, das schlafen geht)
Abu Dhabi Authority for Culture and Heritage, 2008