Lyrikerinnen-Anthologie

Suzanne Alaywan
Planeten und Sterne aus Weizen
Weil er sie liebt,
steigt er
jede Nacht
die dunkle Treppe hinauf,
barfuß,
damit er den Himmel
nicht mit seinen Schuhen beschmutzt.
Er steigt wieder hinab,
den Mond
wie ein Fladenbrot
in der Hand.
Er zerteilt ihn
in kleine Planeten und Sterne,
ohne auch nur ein Weizenkorn zu verlieren:
Mit der Gleichmäßigkeit
und Gerechtigkeit,
die nur die Finger eines Verliebten kennen,
verteilt er die warme Torte
an die Straßenkinder,
die Jugendlichen, die ohne Abendessen
oder Hoffnung zu Bett gingen,
an Hunde und streunende Katzen,
nur weil er sie liebt.
Denn wer einen Menschen liebt,
liebt alle anderen.

Huda Hussain
Vorstellung vom Leben
Jeder Mensch
hat ein Lieblingslied,
ein bevorzugtes Getränk,
eine eigene Frisur,
Dinge, die ihn selbst ausmachen,
ihn,
der schwankt zwischen einem Namen,
den er nicht selbst gewählt hat,
einer Wirklichkeit,
die ihn bestimmt
und einem Alter,
das vorangeschritten ist,
in einer Erinnerung,
die er nicht erschaffen hat.

Mona Karim
Mond
Mond,
ich nehme dich mit,
damit meine Großmutter dich sieht.
Hörst du mich?

Mond,
auf meinem Tisch
werde ich das Eis zerbrechen.
Aus den Kirschbaumzweigen
werde ich einen Hut für den Mann des Sommers machen,
und von meinem Ventilator wird ein Sturm losbrechen.

Mond,
setz dich auf meinen Stuhl
und lass mich meine Orangenmelodie spielen,
meine Kerze anzünden.
Mond,
nimm mein vergilbtes Heft
und presse darüber die Trauben.

Mond,
repariere mein Fahrrad,
komm mit,
damit wir in den Wellen des Ufers schwimmen.
Nimm meinen Stift, meinen Schuh, mein Lineal,
meine Haut,
Blutplättchen und mein Herz,
es sind Teile, die du nicht verlieren wirst,
Mond.
Es sind Teile, die du nicht verlieren wirst,
Mond.

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