Editorial


Editorial
Der langjährige Kontakt mit der englischen Sprache führt zahlreiche arabische Autorinnen und Autoren, die in Großbritannien oder den USA leben, dazu, sich des Englischen als Erzählsprache zu bedienen. Im Schwerpunkt dieser Lisan-Ausgabe werden einige dieser Autorinnen und Autoren und deren Werke vorgestellt. Die Verortung dieser Literatur ist vielfältig. Bevorzugte Themen sind die komplexen Situationen in den Heimatländern, deren koloniale Vergangenheit sowie die Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit von Identität, die eine Migration zwangsläufig auslöst. Dabei gilt das Konzept einer Literatur mit nationaler Identität mehr und mehr als überholt und die Entwicklung zeigt in Richtung eines transnationalen und transkulturellen Verständnisses. Yafa Shanneiks Artikel untersucht vor diesem Hintergrund Biografie und Themen in den Werken der in Großbritannien lebenden Autorinnen Ahdaf Soueif, Leila Aboulela und Fadia Faqir und bemerkt zum Schluss, ›... dass die literaturwissenschaftliche Erschließung dieser zeitgenössischen postkolonialen Literatur noch in den Anfängen steckt‹. Neben Auszügen aus Romanen dieser drei Autorinnen und zwei weiteren Texten der jüngst auch hierzulande bekannt gewordenen Autoren Hisham Matar (»Im Land der Männer«) und Jamal Mahjoub (»Die Beweglichkeit der Breitengrade«) bekommt in dieser Ausgabe auch die Lyrik den ihr gebührenden Platz. Mit Khaled Mattawa, Lawrence Joseph, Pauline Kaldas und Naomi Shihab Nye werden bereits bekannte Vertreter einer mittleren Generation von Lyrikern aus den USA vorgestellt. Khaled Mattawas »Gedanken über ein Jahrhundert arabisch-amerikanischer Literatur« vermittelt die spannende Sicht eines Insiders auf die Entwicklung der arabo-amerikanischen Literatur, von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis heute. Die jüngste Generation ist mit Randa Jarrar, Mohja Kahf und Laila Lalami durch Autorinnen vertreten, die sich in verschiedenen Medien auszudrücken verstehen: Ihre Prosa frisch und direkt im Erzählstil, die Gedichte vom Rap beeinflusst, bloggen oder arbeiten sie gleichzeitig auch als kritische Journalistinnen.
AKTUELL ergänzt in dieser Ausgabe thematisch den Schwerpunkt mit Texten von Hanan Al-Shaykh und Ghalia Kabbani, die ebenfalls in Großbritannien leben, jedoch in arabischer Sprache schreiben. Ganz außerhalb des Schwerpunktes veröffentlicht Lisan die Kurzgeschichte »Der Truthahn« des bekannten und 1990 verstorbenen ägyptischen Autors Yahya Hakki.
In VOYAGE-VOYAGE unternehmen wir mit der jungen ägyptischen Autorin Miral al-Tahawi eine »mehrfache« Reise: Wir flanieren mit ihr durch Berlin, wohin sie anlässlich des Austauschprojekts »West-östlicher Diwan« eingeladen und wo sie als Autorin gefeiert wurde; wir sind mit ihr in Calw und in Gedanken bei Hermann Hesse oder wir reisen anhand von Erinnerungsbruchstücken, die sich laufend zwischen die »Berliner Eindrücke« schieben, zurück in ihre Kindheit ...
Die neue Rubrik BLOG beginnt mit »Bagdad Burning«, dem bekannten Blog der anonym gebliebenen Irakerin Riverbend. Die ausgewählten Eintragungen liegen bereits vier Jahre zurück, haben jedoch nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil, die Situation im Irak hat sich für die Bevölkerung verschlimmert und die Bloggerin ist inzwischen aus dem Irak geflohen.
Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre. Hassan Hammad