Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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Wenn man die in deutscher Sprache erschienenen Werke palästinensischer Autoren näher betrachtet, stellt man zwei Dinge fest: Erstens wird die Literatur der Palästinenser fast ausschließlich durch Werke prominenter Schriftsteller wie Ghassan Kanafani, Emil Habibi und Sahar Khalifa präsentiert. Zweitens wird sie in Literaturstudien häufig als »palästinensische Literatur vor dem Hintergrund der Besatzung«, »Nakba-Literatur« (Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948), oder »palästinensische Literatur nach der Niederlage von 1967« behandelt und mit diesen Themen verbunden. Die palästinensische Literatur ist also immer schon fast ausschließlich als politisch engagierte Literatur verstanden worden.
In diesem LISAN-Heft haben wir deshalb ganz bewusst von den üblichen prominenten Namen abgesehen und jene Klassifizierungen vermieden, die bei der Untersuchung der palästinensischen Literatur zumeist im Vordergrund stehen. Stattdessen wenden wir uns einem wichtigen, vordringlichen Thema zu, dem Alltag in Palästina. Wie sehen ihn die Schriftsteller heute? Wie erleben sie ihn selbst und wie spiegelt er sich in ihren Werken wider, wo sich doch die palästinensische Literatur hinsichtlich ihrer eigenen Wirklichkeit, ihrer Symbolik und ihrer Betrachtung der Realität neu zu definieren versucht? Kritik und Ironie sind dabei unverzichtbare Bestandteile bei der Betrachtung dieser Realität, die sich jedem Verständnis entzieht.
Auffallend sind die Kürze und Prägnanz dieser Texte, die sich durch sprachliche Zurückhaltung und Genauigkeit auszeichnen. Kein Wort zuviel, kein schmuckes Beiwerk, keine Beschreibungsprosa. Die meisten Erzählungen enden offen. Weil es keine Lösungen gibt, sondern nur Probleme, haben die meisten Geschichten weder Anfang noch Ende. Es sind Momentaufnahmen eines gelähmten Lebens. Lakonie und viel Sinn für die Absurditäten des palästinensischen Alltags zeichnen diese Literatur aus. Das Pathos und die Parolen der dezidiert politisch engagierten Widerstandsliteratur der 1960er und 1970er Jahre sind den heutigen Autoren eher fremd. Aber wenn diese sich mit leiseren Tönen dem Schicksal der Palästinenser zuwenden, so ist ihre Wut auf die Verhältnisse doch nicht weniger groß.
Texte der folgenden Dichter und Schriftsteller wurden in dieser Ausgabe erstmals ins Deutsche übersetzt: Kauthar Abu Hani, Asmaa’ Azaiza, Liana Badr, Najwan Darwish, Somaya El Sousi, Marwan Makhoul, und Ziad Khaddash. Von den Autoren Akram Musallam, Ala Hlehel, Adania Shibli, Suad Amiry, Ghassan Zaqtan und Zakaria Mohammed liegen bereits auszugsweise deutsche Übersetzungen vor. Schließlich haben wir erneut die Ehre, den großen Dichter Mahmud Darwisch in dieser Ausgabe zu Wort kommen zu lassen.
Ferner veröffentlichen wir zu diesem Schwerpunkt ein Gespräch mit Liana Badr, literaturkritische Studien von Stephan Milich und Andreas Pflitsch sowie einen Artikel von May Telmissany über das palästinensische Kino der Diaspora.