Die Erbin des Weisen Royan

»Also wo ist sie, die Erbin des Weisen Royan?«
Dort in Ägypten gibt es ein uraltes Buch, das heißt Kalila wa Dimna, ein Buch der Philosophie, dazu bestimmt, Weisheit weiterzugeben. Es ist in der Sprache der Tiere verfasst, alle Charaktere darin sind Tiere. Es borgt sich eine Geschichte aus 1001 Nacht, die Geschichte des Weisen Royan:

Der Weise Royan kam, um einen kranken König zu heilen; die Krankheit hatte sämtlichen Anwendungen all seiner Ärzte und Wunderheiler widerstanden. Der Weise Royan sagte zum König: »Ich werde dich heilen ohne jedwede Medizin oder Tinkturen und ohne die geringste Mühe deinerseits.«

Diese Worte belegten den kranken König mit einem Zauber. Der Weise Royan formte einen Ball. Der König spielte mit dem Ball, bis er in Schweiß ausbrach, und nach diesem kleinen Spiel war er wie durch ein Wunder geheilt.
Der König ernannte den Weisen Royan zu seinem Berater, was am Hofe viel Verdruss hervorrief. Der erste Minister überzeugte den König, dass der Weise Royan in Wahrheit eine Bedrohung für dessen Thron sei. Royan wurde hingerichtet, aber nicht, ohne dem König zuvor einen Brief zu überbringen. Als der König den Brief las, fiel er tot um. Es war eine Frage der Chemie, nicht der Magie – der Weise Royan hatte den Brief mit vergifteter Tinte geschrieben. Dies war die Bestrafung des Königs für seinen Verrat an dem Mann, der sein Leben gerettet hatte.
»Na, wo kann sie denn nun sein, unsere kleine Erbin des Weisen Royan?«
Herein kommt Urgroßmutter Khadidscha. Nach ihrer langen Abwesenheit in Arafat, wo sie eifrig die Rituale der Pilgerfahrt ausgeführt hatte, bewegt sie sich ganz langsam fort. Sie hatte schon zum dritten Mal erfolgreich ihre Lähmung bezwungen. Mit einer Mixtur aus schierem Willen und religiöser Hingabe hatte sie sich selbst geheilt: Fasten, rituelles Opfern und viele andere Zeremonien, an denen Pilger teilnehmen. Sie ging ganz langsam, um die ihre Beine durchströmende neue Energie voll auszukosten.
Jummo blieb oben auf ihrem Baumast und lächelte auf die Welt herab, aber sie geruhte nicht, von ihrem Aussichtspunkt herunterzukommen.
Khadidscha starrte theatralisch in Jummos Richtung, dann drehte sie sich zu Zubayda um. »Gib acht, ja? Jummo fällt gleich wie das Schicksal aus dem Himmel auf uns herab. Aber ich sage dir eins: Es gibt nichts, was Faulheit so gut kuriert, wie darüber zu reden, wie man sich einen Mann angelt. Burzandschiyas wohlgeratener junger Sohn hält Ausschau nach einer Braut …«
Zubayda kicherte, dann rang sie nach Luft, erdrückt von Khadidschas stählerner Umarmung. Jummo flatterte leicht wie ein Blatt von ihrem Ast herunter, rannte zu ihrer Urgroßmutter und begann die wenigen, ihr noch verbliebenen schwarzen Haare zu zählen. »Sag mal, Großmutter, was würdest du sagen, wenn ich dir Royans Ball gäbe? Ich müsste es aber tun, bevor du dein dunkles Haar verlierst, weil das deine letzte Chance ist.«
Khadidscha zog Jummo an ihre Brust und hüllte das Mädchen (es schien etwas zu fiebern) in ihre Stärke und heitere Gelassenheit ein.
»Du willst das Erbe des Weisen Royan verteilen?! Und wer kuriert dich dann ohne Medizin oder Tinktur und ohne Mühe deinerseits?« Die alte Frau blickte in Jummos Gesicht. Auf dem Hals des Mädchens sah sie einen sonderbaren Schatten. Khadidscha war klar, dass sie auf eine Art übernatürliches Zwielicht blickte, ein Omen des Opferns.
An diesem Abend nahm Khadidscha eine Rosenkranzperle ihres Vortrags der Geschichten Scheherazades auf. Die Mädchen und der neue Schwiegersohn Mohammed al-Maghrabi, seine Schwestern und die kleinen Nachbarsmädchen saßen alle im Kreis und waren verzaubert.
»Diese Geschichte erzählt von eintausendundeiner List, wie man Jammer und Erschöpfung abwendet«, kündigte Jummo an. »In dieser Geschichte ist die Macht des Wortes stärker als die Macht der Henkershand.«
Mohammed al-Maghrabi beugte sich zu Hannah. »Mein Bruder Salih wurde von 1001 Nacht verhext«, flüsterte er. »Scheherazade stahl seine Seele. Er versteckte ihr Buch in einer Kiste, um nicht der Wut meines Vaters ausgesetzt zu sein. Ihr folgend, reiste er um die ganze Welt. Schließlich starb er, anstatt sie endlich aufzugeben. Nach seinem Tod suchte mein Vater das Buch überall und verbrannte es.«
»Aber ich ...«, zischte Jummo, »… ich bin das Opfer meines Herrn Sharayar, des Gatten der Scheherazade.« Sie biss sich auf die Lippe. »Er hat mich umgebracht …, er erschlug mich mit seinem Zauber. Wenn meine Urgroßmutter dies nur wüsste, würde sie mich lebendig verbrennen.«
Zubayda kniff sie, damit sie still war. »Urgroßmutter Khadidscha? Aber war sie nicht diejenige, die dir 1001 Nacht überhaupt erst gezeigt hat?«
Jummo widersprach trotzig: »Die Mädchen in Urgroßmutters Nacht werden eingesperrt und ohne Schlüssel eingeschlossen. Aber – Gott schütze uns – es gibt Tausende und Abertausende von Schlüsseln zu den Schlössern von 1001 Nacht.«
Die Mädchen kicherten. Khadidscha schwang ihren Fächer, versetzte Mohammed rasch einen Schlag damit und beendete so den Aufstand.
Jeden Abend, wenn sich Scheich Baikwalys Wohnzimmer mit Musikern und ihren Instrumenten füllte, machte Urgroßmutter Khadidscha es sich mit den Mädchen gemütlich und erzählte Geschichten. Sie verflocht ihre eigenen Geschichten mit jenen Scheherazades, blinzelte in die Dunkelheit und »las« den Mädchen vor wie aus einem offenen Buch. Jummo war mittlerweile überzeugt, dass sie die Verkörperung Scheherazades war, und als Khadidschas Geschichte endete, rannte sie augenblicklich zu ihrem geheimen Platz unter dem Nabk-Baum. Dort hockte sie und dachte sehr gründlich über das Wort war nach.

Aus dem Englischen von Cora Josting

Auszug aus Raja Alem & Tom McDonough My Thousand and One Nights: A Novel of Mecca, 2007