Genug. Schluss. Jetzt reichts! Der Kifaya-Gestus in der ägyptischen Literatur der 2000er Jahre, Christian Junge

Die Wut der Ägypter auf das Mubarak-Regime begann sich am 25. Januar 2011 zu entladen. Es war der so genannte »Tag des Zorns«, mit dem die Massenproteste begannen, die am 9. Februar 2011 schließlich zum Rücktritt Hosni Mubaraks führten. Besonders für den Westen kam diese »Revolution« überraschend und scheinbar aus dem Nichts. Dabei gärte es schon länger in Ägypten, soziale Spannungen nahmen zu, und die Wut auf das Regime wuchs. Die ägyptische Literatur wusste davon seit langem zu berichten – auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Im letzten Jahrzehnt der Mubarak-Ära, in den 2000er Jahren, als sich die sozialen Missstände und die politische Ausweglosigkeit zuspitzten, entstand dabei auch eine neue literarische Strömung, die ganz unverhohlen Kritik an der Politik und Gesellschaft übte und eine neue Poetik und Ästhetik etablierte. Diese Strömung kann – in Anlehnung an einen politischen Protestslogan der 2000er Jahre – als Kifaya-Literatur bezeichnet werden.

Zu dieser neuen Strömung zählen die Werke so unterschiedlicher Autoren wie Alaa al-Aswani, Khaled al-Khamissi, Magdy al-Shafee und Ahmad Khaled Tawfiq, die alle um 1960 geboren wurden und denen eine Sache gemeinsam ist: Sie reden unverblümt über die Missstände, spitzen sie radikal zu und vermögen so den Leser zu empören. Dazu bedienen sie sich eines, wie es dieser Artikel nennen möchte, literarischen Kifaya- Gestus. Kifaya bedeutet im ägyptischen Dialekt so viel wie »Genug. Schluss. Jetzt reichts.« Unter dem Namen Kifaya wurde auch eine der wichtigsten Oppositionsbewegungen der späten Mubarak-Ära bekannt, nämlich die 2004 gegründete Ägyptische Bewegung für den Wandel. Auch wenn einige Autoren, wie etwa Aswani, zu den Mitbegründern der politischen Kifaya-Bewegung gehören, soll hier unter Kifaya-Literatur aber nicht das literarische Programm einer politischen Bewegung verstanden werden. Vielmehr verweist der Slogan »Kifaya!« auf die von einer passiven Ablehnung in den offenen Protest umschlagende politische Grundhaltung gegenüber dem ägyptischen Regime. Diese Einstellung übersetzen die Texte in einen literarischen Gestus, der dem Leser unmissverständlich klarmacht: So kann und darf es nicht mehr weitergehen! Kifaya!

Während die politisch engagierte Literatur in Ägypten eine lange Tradition hat, soll hier mit dem Begriff der Kifaya-Literatur ausschließlich auf eine literarische Strömung der 2000er Jahre verwiesen werden. Dabei zeichnet sich der Kifaya-Gestus durch eine eigene Poetik und Ästhetik aus, die besonders im Vergleich mit der Literatur der Generation der 1990er deutlich wird. Diese Literatur wandte sich, postmodern und poststrukturalistisch geschult, von jeglicher ideologischen und politischen Vereinnahmung ab und verstand sich weitgehend als eine autonome Literatur, als l’art pour l’art. Dennoch wäre es verfehlt, der Generation der 1990er jeglichen politischen Aussagewillen oder gar jegliche kritische Aussagekraft abzusprechen. Vielmehr geht mit dem poetologischen und ästhetischen Wandel auch ein Wandel des Kritik- und Politikverständnisses einher: Während sich die Generation der 1990er am Individuum und Detail abarbeitete, fokussiert die Kifaya-Literatur das Kollektiv und damit das große Ganze. Mit sieben Thesen möchte der Artikel eine erste Annäherung an den Kifaya-Gestus wagen und ihn anschließend an Ahmad Khaled Tawfiqs schaurigem Zukunftsroman »Utopia« (2008) illustrieren.
(...)