Wem applaudieren wir? Martin R. Dean

Als der Aufstand der arabischen Völker gegen ihre Diktatoren begann, brach ein zur stillen Gewohnheit gewordenes Tabu ein: nämlich das, dass es ebenso nutzlos wie unmöglich ist, sich gegen herrschende Unrechtsverhältnisse zur Wehr zu setzen und die Gesellschaft nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Seit Ende der 68-Revolution war uns das Lebensgefühl der Lähmung immer mehr zur zweiten Natur geworden, und während es sich in den arabischen Ländern zu Lethargie und Ohnmacht steigerte, bildete es im Westen den trüben Bodensatz eines utopielosen Fatalismus. Schriftsteller und Intellektuelle des Westens hatten aufgehört, sich »einzumischen«, sich zu »engagieren«, und betrieben ihr Geschäft wie Handelsreisende im Einverständnis mit dem neoliberalen Markt. Man lebte mit dem fait accompli, viele nicht einmal schlecht, auch wenn das schlechte Gewissen über die eigene Privilegiertheit nie ganz verstummte. Mit dem arabischen Frühling kam erneut etwas zum Vorschein, das den Westen seit der Aufklärung vorangetrieben und seine Werte konsolidiert hat: die Einsicht, dass die Verhältnisse grundsätzlich veränderbar sind.

Die arabischen Revolutionen funktionierten also wie ein Erinnerungskatalysator für die eigene Tradition der Aufklärung. Sie stellten »unsere Tradition« wieder her, und sie bestätigten uns. Diese Selbstbestätigung kam von unerwarteter Seite, nämlich von jenen Völkern, deren Religion vom Westen bereits als feindselig eingestuft worden war.

Die Rezeption des Arabischen Frühlings hatte also nicht nur die Freiheit der Völker in Libyen, Ägypten und Tunesien im Auge, sondern unterlag ebenso nicht ganz selbstlosen Missverständnissen. Die Rezeption hatte »die anderen« im Blick und war dennoch eurozentristisch und von eigenen Interessen gelenkt. Die Europäer, auch die intellektuellen Europäer, applaudierten der Befreiung zur Demokratie in dem Augenblick, in dem die europäischen Demokratien eine noch nie gesehene Krise erlebten und erleben. Wenn man Colin Crouchs Analyse zustimmt, dann befindet sich der Westen seit längerer Zeit in einem Übergang zur Postdemokratie, in der die demokratischen Errungenschaften ausgehöhlt werden und zur Kulisse verkommen. In der Schweiz hatten wir erfahren, dass direktdemokratische Mehrheitsentscheide wie die der Minarettinitiative auch jenseits des Völkerrechts liegen können. Vergessen schien ebenso, dass die eigenen Demokratien in Italien, Ungarn und anderswo oligarchische Züge anzunehmen begannen.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß, als der Westen merkte, dass bei den ersten mehr oder weniger freien Wahlen die Muslimbruderschaft beeindruckende Gewinne erzielte. Die unbewusste Erwartungshaltung, dass die Befreiung zu einem säkularen demokratischen System führen würde, wurde damit enttäuscht. Entblößt wurde unsere Ignoranz, die das Hoffen vor das Wissen, die Erwartung vor das Abwarten gesetzt hatte. In den Staaten, in denen der Arabische Frühling ausbrach, waren zwar die geistlichen Kräfte kaum oder nur im Hintergrund beteiligt. Aber die Schicht der Geistlichen bildete in den mehrheitlich ländlich geprägten Regionen eine wichtige Vermittlungsinstanz zwischen Bevölkerung und Staat, allein schon dadurch, dass sie der Bevölkerung beim Lesen und Schreiben vermittelnd zur Seite stand. Das Vertrauen, das die Geistlichen bei der Bevölkerung haben, spiegelte sich wider im großen Stimmenanteil, den sie erzielten.

Wenn es um Sympathien, Zuschreibungen, Strafaktionen und Ähnliches geht, wird gemeinhin verdrängt, dass auf dem Planeten unterschiedliche Zeiten herrschen. Das Modell der Gleichzeitigkeit aller Staaten, symbolisiert in der Weltuhr, basiert auf Wunschdenken. Es macht Staaten weltweit für den globalen Börsen- und Wertpapierhandel kompatibel. Als darwinistisches Entwicklungsprogramm, dessen Verwandtschaft mit dem Neoliberalismus schon immer gegeben war, etabliert es eine Weltordnung, in der es – in der noch unverstellten postkolonialen Diktion – eine Erste, Zweite und Dritte Welt gibt. Hinzugekommen ist der Begriff »Schwellenländer«, die kurz vor dem Eintritt in den »wahren« und »gültigen« Raum des Westens stehen.

Stehen die arabischen Länder durch ihre Demokratisierung kurz vor dem Eintritt in diesen olympischen Raum, der mit Wertpapieren, säkularen Gesetzestafeln, freier Presse und so weiter tapeziert ist? Ist die arabische Demokratiebewegung vergleichbar oder gar im Geiste identisch mit der westlichen Occupy-Bewegung? Oder beklatschen wir mit dem arabischen Frühling vor allem uns selber?
Der erkenntnistheoretische Befund kann nicht anders lauten: Das Andere ist nicht wahrnehmbar ohne blinde Flecken. Und in den blinden Flecken lauert das Eigene in der Gestalt von Wünschen und Ausblendungen. Komplexität ist der Widerspruch zur Emotion, die ohne Blindheit nie ihre – auch nationentranszendierende – Kraft erhielte. Komplex muss die Ausgangslage jener jungen Männer sein, die nach den Revolutionen in ihren Heimatländern in Europa um Asyl ansuchen. Komplex, weil der Wunsch des Westens, dass die Energie dem Aufbau des eigenen Staates zugetragen werden müsse, von einem Patriotismus ausgeht, der den westlichen Jugendlichen längst abhanden gekommen ist.

Die Wahrheit ist, dass Menschen in Not und Elend ein besseres Leben suchen. Und dass sie die Hand beißen, die sie nicht füttert. Meine Hoffnung, dass der Frühling in den arabischen Ländern zu einem langen Sommer führe, wird durch diese Überlegungen nicht geschmälert.

© Martin Dean 2012