Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass Randa sich so beharrlich um das Bild bemühen würde – das Gemälde »Die Liebenden«, nach dem ich selbst lange gesucht hatte, bis ich es endlich fand. Und als ich es gefunden hatte, ging es mir wieder verloren. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, sie könnte es beschaffen, bei sich verstecken und mit ihrer wohlbekannten Geduld aufbewahren, um es mir einmal zu schenken.
Sie wiederum hatte nicht erwartet, dass ich bei ihr vorbeischauen würde an jenem Tag, als ich auf der Durchreise in die Stadt kam, wo sie seit dem letzten Krieg im Libanon wohnte.
Sie gab mir das Bild, meinen purpurroten Mantel bemerkte sie erst später. »Oh Gott, was für eine schöne Farbe!« Um ihr die Geschichte von dem Mantel zu erzählen und von dem Schmetterling, der aus seiner Tasche flog, musste ich erst einmal berichten, was mir im Flughafen passiert war, damals, als ich ausreiste.
Im Flughafen …
Ich hebe den Kopf und gehe los.
Die Schritte möglichst unbekümmert, ganz natürlich. Auf eine Art, die locker und entspannt wirkt, damit ich ein Ausreisevisum bekomme. Denn das ist unbedingt erforderlich für unsereins, der keine richtige Staatsbürgerschaft besitzt.
Ich durchsuche meine Taschen. Was trage ich bei mir? Nichts Besonderes.
Ein Blick in die Handtasche. Auch nichts. Einige Blatt Papier, wie üblich. Vergessene Kritzeleien oder Striche gleich Sorgenfalten, die das Gesicht überziehen und daraus verschwinden, ohne dass es jemanden kümmert. Wimperntusche. Würde sie nicht Argwohn erwecken? Könnte man sie für eine neuartige Geheimtinte halten?
Zur Sicherheit schaue ich noch im Koffer nach. Eine abgenutzte Zahnbürste mit dünnen, wirbelig gesträubten weißen Borsten.
Ich ziehe den Reißverschluss auf… in der Innentasche ein Spiegel.
Ich nehme den Spiegel heraus, blicke hinein, ohne dass es jemand
bemerkt.
Dasselbe Gesicht. Seit Juni, seit August, September, Oktober, Dezember,
all die Jahre hindurch.
Für einen flüchtigen Augenblick blitzt das Gesicht meines Vaters vor mir auf. Ich spiele vor dem Garten an unserem Haus. Die Kripo hat es umzingelt, sie nehmen ihn mit. Er winkt mir, ich soll ihm nicht folgen. An der Gartenpforte schickt er mich zurück, versichert mir, er wolle mit ihnen nur einen Krankenbesuch machen und werde nicht lange ausbleiben. Aber er kam nie wieder.
Ich sehe, wie meine Mutter einen schwarzen Schleier über ihr Gesicht zieht. Sie, die in ihrem ganzen Leben nie verschleiert war. Auf der Flucht ließ sie mich in Jerusalem bei meiner Tante und versprach, bald zurückzukommen, in ein, zwei Tagen. Danach sah ich sie viele Monate nicht.
Der Spiegel.
Und das Gesicht, es ist noch dasselbe.
Könnte ich nicht mein Gesicht austauschen und einfach weiterlaufen?
Wie soll ich es verbergen, wenn ich an ihnen vorbeigehe?
Meine Absätze klappern. Ich stocke, trete sanfter auf. Vorwärts, zur Sicherheitskontrolle.
Purpurmantel bewegt sich in Richtung Schreibtisch. Zwei Männer, einer mit blitzendem Abzeichen an der Uniformmütze, der andere in Zivil, gewöhnlicher Pullover und Wollschal. Was können sie schon bei mir finden?
Nichts.
Keine Schmuggelware. Nichts Verbotenes.
Weder ein Auflachen noch plötzliche Freudenschauer. Auch keine Blüten, unterwegs gestohlen von den Hecken an den Häusern. Überhaupt nichts. Nur mein Gesicht.
...
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli