Wer hat meine Freundin aus dem Panzer geklaut? - Kauthar Abu Hani

Das war kein Abenteuer oder eine unbeabsichtigte Tat, die einem Anfall von Verrücktheit oder einer dummen Idee entsprungen war. Wir hatten vereinbart, den Geburtstag unserer Freundin Ghada in einem israelischen Panzer zu feiern, auf den wir in einer Straße der Stadt gestoßen waren. In Gaza gab es keine Tränen, keine Wut und keine Wünsche. Die Stadt hieß also Gaza und wir waren Kauthar, Ghada, Rana und Baha‘. Wir stellten die Wecker auf fünf Uhr morgens. Ich und Ghada sind aus Gaza, Rana aus Dair al-Balah und Baha‘ aus Rafah. Um fünf Uhr klingelten unsere Wecker und das Klingeln erklang im Himmel des Gazastreifens wie Kirchenglocken, die die Geburt eines Heiligen oder die Auferstehung von Christus verkünden. Ich wartete mit Ghada auf Rana und Baha’ im obersten Stockwerk des höchsten Turmes in Gaza. Um sieben Uhr waren wir vollzählig im Al-Andalus-Turm versammelt.
Baha’ hatte Feuerwerksraketen mitgebracht, die er an der ägyptischen Grenze in der Nähe seiner Wohnung gekauft hatte. Rana zog aus ihrer Tasche haufenweise bunte Luftballons und begann sie aufzublasen. Ich hatte einen Kuchen gebacken und ihnen gesagt, dass er köstlich schmecken würde, wenn wir ihn im Panzer aufschneiden und essen würden. Ghada, die ohne etwas gekommen war, aber sich an den Sachen der Freunde erfreute, lachte immer wieder über unsere abgefahrene Idee.
Wir verbrachten den Tag im Al-Andalus-Turm damit zu planen, wie wir den Panzer erobern könnten. Wir ruhten uns etwas aus, sangen, übten einen Tanz ein, der dazu passte, wie wir unsere Körper in dem Panzer mit seiner niedrigen Decke biegen würden. Wir schwatzten, lästerten und spotteten mit spitzer Zunge. Wir verteilten schon einmal Ruhmeslorbeeren an die Zeitungen und Journalisten, die sich auf uns stürzen würden, um mit uns Interviews zu führen über eine »palästinensische Geburtstagsfeier in einem israelischen Panzer«.
Das Warten auf die Nacht zog sich hin. Ghada wurde langsam ungeduldig. Liebe Freundin, es ist noch eine Stunde bis zur Nacht und dann feiern wir deinen Geburtstag. Wir schickten Baha’ los, eine Flasche Coca-Cola zu kaufen. Nach einer halben Stunde kam er keuchend zu uns zurück. Ich hatte Angst; ich dachte, dass die israelischen Truppen einmarschierten. Aber er beruhigte mich und zog mich auf: »Der Fahrstuhl funktioniert nicht. Ha, du siehst schon aus wie jemand, der in einen Panzer steigen will.« Wir tranken die kalte Cola und legten uns auf den Rücken. Jeder von uns zog sich in Gedanken in seine großen Träume in dem kleinen Panzer zurück. Unsere Augen waren auf die Uhr gerichtet, die wie ein Galgen über der Zimmertür hing. Unsere Herzen schlugen im Einklang mit der Bewegung der Uhrzeiger. In einer Stunde würde Ghada zwanzig Jahre alt sein. Wäre ich Ghada, würde ich den anderen in das dritte Lebensjahrzehnt vorangehen. Wir waren alle neunzehn Jahre alt, auch Ghada war es noch. Aber die zwischen unseren Geburtstagen liegenden Monate unterschieden uns voneinander und gaben jedem von uns seinen besonderen Tag. Vielleicht fühlte sich Ghada jetzt stolz, weil sie sich in einer Stunde in eine Zwanzigjährige voll überquellender Weiblichkeit verwandeln würde, die uns mit kristallenen Augen ansehen und sagen würde: »Ich bin älter als ihr, liebe Freunde!«
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Aus dem Arabischen von Anne Koch
Foto © Rayelle Niemann: Checkpoint Erez