Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
Wasgenring 29
4055 Basel/Switzerland
Mobile Schweiz:
0041 (0)76 415 14 53
Mobile Deutschland:
0049 17663386104
Second Life
Wir saßen dicht nebeneinander auf der gemütlichen andalusischen Couch, in einem der Zeit entrückten Café. Samtteppiche aus Cordoba waren vor hölzernen Tischchen ausgebreitet, die mit schönen, ornamentalen Schnitzereien verziert und mit Elfenbein ausgelegt waren. Die einschmeichelnden Melodien einer Oud hüllten uns ein. Eine schöne Frau hielt verträumt das kunstvoll gefertigte Instrument in den Händen. Sie sah ihre Zuhörer mit entrückten Augen an und verzauberte sie mit ihren Blicken genauso wie mit den Saiten ihres Instruments. Ich blickte unter dem weiten Bogen hervor in den Himmel, in dessen wässrigem Blau ein weißer Haufen virtueller Wolken schwamm, die einen Moment lang ganz real wirkten.
Ich betrachtete ihr bezauberndes ebenmäßiges Gesicht und drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Wange. Sie begnügte sich mit einem flüchtigen Lächeln.
»Du wirkst so bedrückt.«
Die Sprache, in der man sich in dieser Welt unterhielt, bestand aus geschriebenen Sätzen. Aber unsere ausgeprägte Phantasie vermochte es, sie in gesprochene Sätze zu verwandeln. Mein letzter Satz war unlogisch, denn es gab hier keinen Unterschied zwischen Freude und Niedergeschlagenheit. Sie sagte trocken – zumindest schienen mir ihre unbelebten Worte so:
»Vielleicht, weil es mir langweilig ist.«
»Was hältst du von der Idee, gemeinsam die Welt zu umrunden?«
»Wir haben sie doch erst vor kurzem umrundet, erinnerst du dich nicht?«
»Gut, dann ein herrlicher romantischer Abend im Licht der Fackeln in dieser byzantinischen Festung. Dort vermischt sich der Traum mit der Geschichte.«
Aus ihrem Mund kam ein ablehnender Laut und ich hob meine Augen entnervt zu dem unendlichen, digitalen Universum und beklagte mich beim Himmel über ihr versteinertes Wesen. Sie begann mit dem verbliebenen Rest Tee herumzuspielen, und ich lenkte mich damit ab, die überall im Raum verteilten Säulen zu zählen. Als ich fertig war, begann ich, die Gravuren und Zeichnungen zu zählen, und als ich gerade völlig in dieser Beschäftigung aufging, sagte sie plötzlich, ohne mich anzusehen:
»Du hast diese Sängerin ganz schön lange angestarrt.«
»Wann?«
»Gestern. Du hast sie mit einer erstaunlichen Verliebtheit angesehen.«
Ich bedachte sie mit einem langen, stummen Blick voller Verwunderung. Insgeheim fragte ich mich, wie sie das an meinem virtuellen, gefühllosen Körper überhaupt hatte bemerken können.
Ohne darauf zu warten, dass ich die Beschuldigung abstritt, fuhr sie fort:
»Ich habe es einfach gespürt.«
Nach diesem Satz sagten wir beide nichts mehr und das virtuelle Schweigen übernahm die Regie.
Aus dem Arabischen Marei Grundhöfer