Der entführte Mond, Fatima Hamad al-Mazru’i

Die raue Stimme

Wovon träumt eine junge Frau im Alter von zwanzig Jahren? Gehen ihre Träume über parfümierte Briefe, über Damaszener Rosen und Liebesworte, die die Sperren der Wächter durchdringen, hinaus? Träumt sie von andalusischer Leidenschaft oder einem von ihr besessenen Beduinen? Träumt sie vielleicht davon, eine Prinzessin zu sein, deren unbekannter Liebhaber nach ihr suchend
umherzieht?
Ich träume jede Nacht so. Ich parfümiere mein Zimmer. Ich halte mich mal für eine Beduinin, die von ihrem Madschnun träumt, der die Wüste mit Gedichten und Leidenschaft zum Blühen bringt. Ein anderes Mal fühle ich mich wie eine griechische Prinzessin, die von ihren Entführern auf hoher See gefangen gehalten wird. Die Träume streifen in meinem Kopf herum und ich fließe frei dahin – wie eine wilde Rose, wie eine Tänzerin, die zu geheimnisvollen afrikanischen Liedern tanzt.
Ich träume von der Liebe und vom Leben und bin weit entfernt von deinem aufsteigenden Weihrauch, Großmutter … Nein, ich bin nicht wie du, die du da in einem gelben Kleid und mit Zöpfen, denen der Geruch der Weichselkirsche entströmt den Weihrauch in die Räucherpfanne wirfst. Die die Gebetskette zwischen ihren Fingern dreht und deren Stimme rauer und rauer wird, während der Weihrauch Wirbel aufsteigen lässt, die das Zimmer mit Wildheit erfüllen.

2
Ich halte den Atem an und versuche, ein Niesen zu unterdrücken, das mich verraten und wie das Niesen der Gazellen Unheil bringen würde. Dicke Weihrauchschwaden steigen im Zimmer meiner Großmutter auf. Sie selbst sitzt in ihrem grünen Gewand und den gelben Pumphosen inmitten einer Gruppe von Frauen. Ich höre sie lachen und eine Bemerkung zu einer der anwesenden Frauen machen, die sich zu ihren gelben Hosen geäußert hatte. Sie kreuzt ihre Beine, strafft ihren Rücken und sagt: »Sie verlangen von mir, dass ich sie trage, das ist ihr Befehl.«

Zwei Augen spähen aus der Decke hervor, die zusammengerollt unter dem riesigen Messingbett liegt. Trotz des wabernden Weihrauchs erkenne ich den seltsamen Zahn meiner Großmutter. Er erscheint mir riesig groß und seine Grünfärbung, die ihn in zwei Teile spaltet, wirkt wie ein Tal zwischen zwei Bergen. Aber er ist ein Klippdachs mit seiner sagenhaften Grünfärbung. Meine Großmutter sagt, dieser Zahn sei ihr Segen. Wenn er ausfiele, stürbe sie. Welches Geheimnis mag sich dahinter verbergen? Fragen wirbeln in meinem Kopf durcheinander, in jener eigenartigen Kugel, und mir wird schwindelig und übel vom Weihrauch und der Hitze und der Beengtheit meines Platzes. Ich drücke die Decke unter dem Bett zusammen, und die Augenblicke verwandeln sich in Augen, die mich jederzeit entdecken können.
Mein Herz schlägt wild wie eine afrikanische Trommel. Der Lärm der Trommeln und der Lieder um mich herum ebbt ab und schwillt dann wieder an, jedes Mal wenn die Stimme meiner Großmutter rau wird. Sie verändert sich und tönt dann, als ob sich ein grober Mann ihrer bemächtigen und die Frauen begrüßen würde. Ich höre ihn sich vorstellen. Mein Magen gerät in Aufruhr und meine Eingeweide drehen sich beinahe um von der Rauheit der männlichen Stimme. In diesen Momenten verwandle ich mich in ein trommelndes Herz und die menschlichen Stimmen um mich herum versinken in geheimnisvollen Tiefen wie in Ozeanen. Nur die derbe Stimme des Mannes und die Seufzer der kranken Frau bleiben, deren Körper zu einem Dattelpalmzweig geworden zu sein scheint, von dem meine Großmutter liest. Sie verlangt von einem Dschinn, den Körper der Frau friedlich zu verlassen.

Aus dem Arabischen von Marei Grundhöfer