Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
Wasgenring 29
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Warten
Woher kommst du?
Ich suchte mir einen Platz an der Theke. Die Atmosphäre in dieser Kneipe ist locker. Ich verkehre hier oft. Arglos musterte ich die anderen Gäste neben mir. Ich wollte nicht lange bleiben, vielleicht ein oder zwei Biere trinken. Rechts neben mir stand ein gut gekleideter, junger Mann mit hellem Teint. Er war auffallend groß, wandte sich mir unverhofft zu und sagte:
»Hallo.«
»Hallo.«
Ich setzte mich auf den Barhocker, jedoch bereit, jeden Augenblick wieder aufzustehen. Ich bestellte ein Bier. Der Typ neben mir fragte:
»Woher kommst du?«
»Ich war bei einem Freund«, antwortete ich ruhig und gelassen. Was sollte diese Frage? Sollte ich ihm erklären, wie ich auf die Welt gekommen war? Ich hatte es satt, auf solche Fragen einzugehen. Seitdem ich in diesem Land lebe – und das ist schon eine lange Zeit – wurde ich stets mit denselben Fragen traktiert.
Mein Nachbar wurde nervös. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte seine Frage nicht richtig verstanden. Seine Stimme wurde lauter.
»Ich habe dich gefragt, was für ein Landsmann du bist, welche Nationalität, verstehst du mich?“
»Ja, ja, ich verstehe«, und um mich nicht weiter in ein solches Gespräch verwickeln zu lassen, sagte ich:
»Hör zu, ich bin Syrer.«
»Ach so, Araber.« Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Ich wandte mich von ihm ab und griff nach meinem Bier. Jetzt ist er zufrieden, dachte ich, und lässt mich in Ruhe. Ich hatte absolut keine Lust, mich weiterhin mit ihm zu unterhalten, vor allem nicht darüber, woher ich komme, wer ich bin und was ich mache. Doch es kam anders als erhofft: Der junge Mann war keinesfalls zufrieden und wollte mehr wissen. Ich spürte seine Finger, die mir auf die Schulter klopften.
»He, du! Du bist doch Araber, nicht?«
Er lächelte vielsagend.
»Sehr interessant, Ölscheich, nicht wahr?«
lm selben Moment stieg mir der Gestank des Öls in meine Nase, und ich sah einen Bund Dollarscheine vor meinem inneren Auge. Das ekelte mich an. Ich hatte mir immer gewünscht, diese Papiere verbrennen zu können. Diese Scheißpapiere sind unser größtes Elend. Mit diesen Papieren kaufen und verkaufen uns die Herren.
»Ihr habt Öl, ihr habt Macht, ihr könnt die Welt kaufen mit eurem Geld.«
Vor meinen Augen sah ich die Kinder, die barfuß auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen liefen, um ein paar Pfennige zu verdienen. Sie kannten keine Schule. Ich sah die Familien, die mit zehn Personen in einem kleinen Zimmer wohnten und sah all die Menschen, die vor lauter Ölgestank husteten und keuchten. Ich musste tief Luft holen.
Mein Gott, wir sind Gefangene dieses Öls, wir sind Gefangene dieser Herren, Gefangene ihrer Abfälle und ihrer Missetaten.
»Ihr habt Geld, Mensch, du hast es gut, du kannst mehrere Frauen heiraten und einen Harem gründen. Du bist wirklich zu beneiden ...«
An dieser Stelle des Satzes, dem mein Herz atemlos gefolgt war, dachte ich: » Jetzt ist er zu weit gegangen.«
»Nein, wir Araber sind nicht alle gleich. Es gibt große Unterschiede«, hörte ich mich plötzlich laut sagen.
»Dieses Öl hat die Häuser der Araber nicht mit Speiseöl und Brot gefüllt. Aus der Wüste ist keine Oase geworden. In unseren Dörfern ist es noch immer dunkel. Ich wünschte, dass dieses Öl versiegen würde, damit wir uns von seiner Herrschaft befreien können.«
»Ach komm, was erzählst du da für Quatsch,« erwiderte er, und in seinem Gesicht hatte sich Verlegenheit breit gemacht.
Ich wollte ihm von dem Brief, den ich heute von meinem Freund Samir bekommen hatte, erzählen. Er arbeitet zur Zeit in Bahrain und schreibt, er könne es ohne seine Frau und Kinder nicht mehr aushalten. Er hat vor, zurückzukehren, sobald er in der Heimat wieder Arbeit findet.
Doch ich hörte, wie jemand meinen Namen rief, entschuldigte mich, zahlte und ging.