Mustafa Zikri

Viel Lärm um ein gotisches Labyrinth

Über die dicke, stramme Krankenpflegerin Ragawat pflegte Nunna in seiner vulgären unverblümten Art zu sagen: »Das einzig Perfekte an ihr ist das Knochengerüst.« Ihre kräftige Gestalt konnte sich – wenn auch nur im entfernten Sinn und nur mit einer gewissen Toleranz und Nachsicht – an einem altarabischen Schönheitsideal messen lassen. Damals hätte man gesagt: Dies ist eine schöne Frau, gut gebaut und stramm, sie sättigt den Säugling und wärmt den, der ihr Lager teilt.
Das erste Mal sah ich sie im staatlichen Krankenhaus in Helwan. Ich wurde auf den Schultern von Nunna und Adel-Rita getragen, dunkles Blut rann mir über das ganze Gesicht herunter. Ich hatte das Pech, während einer heftigen Schlägerei an der Minibus-Haltestelle auf dem Vorplatz der Station einen Messerstich abbekommen zu haben, einen Stich längs über die Wange. Dabei hatte ich mit der Schlägerei zwischen Nunna und Bosi, der mit seiner Karre voll Innereien neben dem Café gar nichts zu tun. Bosis Schwester Wafdiyya, Nunnas Gefährtin in Sünde, war Grund der handgreiflichen Auseinandersetzung gewesen. Und es sind viele handgreifliche Auseinandersetzungen, die sie ihrem Bruder wegen ihres ausschweifenden Lebens beschert hat. Sogar nach ihrer Eheschließung mit Onkel Diyab, dem Bäckermeister, der doppelt so alt war wie sie, wurde sie vom Teufel weiter verführt, andere Männer zu lieben.
Dieses Mal – und es gibt unzählige andere Male – riss sich ihr Bruder Bosi sein mit Pflanzenmotiven gemustertes Seidenhemd vom muskulösen Leibe in einer Art und Weise, die Übles von bisher unbekanntem Ausmaß erahnen ließ. Er blickte furchtlos in die Menge; die Menschen hielten ihn zurück, während er ein Brecheisen in der Luft schwenkte, als sei es ein Stück Holz. Sein nackter Körper entkam dem Griff der kräftigen Arme und Schultern – von den Fausthieben waren überall auf seiner Brust, seinen Schultern, seinem Hals und Rücken rote Flecken zu sehen.
Ich erinnere mich, es war eine kalte Winternacht, als ich vor langer Zeit schon einmal diesen angeschwollenen roten Streifen an Bosis Nacken sah. Der frühe Morgen war gerade angebrochen, ein leichter Nebel umgarnte verschwörerisch den Betonpfeiler der Laterne, deren schwaches Licht immer noch den deutlich sichtbaren Anbruch des Tages leugnete. Als Kind habe ich mich oft gefragt, warum ein Betonpfeiler von solch würdiger Gestalt, von solch solider Bauweise und beeindruckender Höhe, am Ende so eine winzig kleine Birne bekam, die in keiner Weise mit dieser Erhabenheit in Einklang stand.
Ich befand mich gerade mit Nunna auf dem Heimweg von der Hochzeitsfeier eines Metzgers, als plötzlich Bosi aus der Eingangstür des alten, heruntergekommenen Hauses stürzte, nur mit einer Jeanshose bekleidet und einem blitzenden Messer mit einem Griff aus Gazellenhorn in der Hand. Wafdiyya hatte sich von hinten an seinen Hals gekrallt, vom dritten Stockwerk schleifte er sie im Schlepptau über alle alten, in der Mitte ausgetretenen Treppenstufen bis nach unten. Sie trug nur ein dünnes Nachthemd mit tiefem Ausschnitt auf der bloßen Haut. Ihr lauter Schrei trübte die Stille des Morgens. Drüben, mitten auf der Straße, überschlugen sich zwei fliehende Beine. War das ein unbekannter Liebhaber, der im Bett erwischt worden war? Ich weiß es nicht mehr. Alles, was in meiner Erinnerung von diesem Liebhaber hängen blieb, sind seine flinken fliehenden Beine. Endlich ließ Wafdiyya sich vor der Eingangstür fallen, ihre Beine waren entblößt, so dass man ihre Schenkel sehen konnte. Sie begann, sich mit den Händen auf die Wangen zu schlagen und zu schreien. Feiner Dunst stieß stockend und unheimlich aus Mund und Nase, gut sichtbar wegen dem Laternenlicht vom Betonpfeiler. Ja, so schienen sie nun doch miteinander in Einklang zu stehen, die winzig kleine Glühbirne konnte sich trotz ihrer geringen Größe durchaus mit dem hochragenden Laternenpfahl aus Zement messen, wenn sie ihm nicht gar an Bedeutung überlegen war.

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