Lisan Verlag
Dr. Hassan Hammad
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Wenn man den publizierten Statistiken Glauben schenken kann, wurden zwischen 1930 und 1990 rund 60 saudi-arabische Romane veröffentlicht, das ist durchschnittlich ein Roman pro Jahr. Zwischen 1990 und 2006 sollen es um die 271 gewesen sein, das ist durchschnittlich ein Roman pro Monat. Wie erklärt sich dieser sprunghafte Aufschwung der Romanliteratur in einer Gesellschaft, die bisher keine großen Romanciers hervorgebracht hat? Was sind die Gründe für die plötzliche Produktivität? Und wie kommt es dazu, dass wir unsere ursprüngliche Frage »Warum gibt es keinen saudi-arabischen Roman?« umformulieren müssen zur Frage »Warum schreiben die Saudi- Araber all diese Romane?«
Ab 1930 ist der saudi-arabische Roman mit dem damals langsamen, ruhigen Rhythmus ein Abbild der ortsgebundenen einheimischen Realität. Ohne sich tiefgründig mit gesellschaftlichen Phänomenen und allgemeinen Problemen zu befassen, ging er über das flüchtige Antasten nicht hinaus. Mit dem Erwachen der gebildeten Mittelschicht Ende der 1980er Jahre entstand ein Literaturtrend, den man als »modernistisch« bezeichnen könnte. Dieser war jedoch kaum greifbar und sein Einfluss schwierig zu bemessen, weil es Restriktionen seitens der Presse und Verlage gegeben hatte. Hinzu kam die Dominanz des islamischen Erwachens in der kulturellen Bewegung. So können wir sagen, dass die erwähnte moderne Bewusstseinsbewegung im Keim erstickte. Nur einige wenige Namen sind geblieben wie Raja Alem und Abdo Khal. Diese moderne Bewusstseinsbewegung sollte erst wieder nach dem Zweiten Golfkrieg in Erscheinung treten, als dieser die saudische Gesellschaft und die gesamte arabische Welt grundlegend erschütterte und in Angst versetzte. Der Golfkrieg weckte bei einigen Intellektuellen den Wunsch, über alles nachzudenken, Fragen zu stellen, Fehler bloßzulegen und nach neuen Lösungen zu suchen. Einer dieser Intellektuellen ist Ghazi al-Gosaibi, von dem einige Kritiker meinen, dass durch seinen 1994 erschienenen Roman »Shaqqat al-hurriyya« (Engl. »An Apartment Called Freedom«) eine neue Phase saudischer Erzählliteratur begonnen habe. Auch Turki al-Hamads Triologie »Gespenster der verlassenen Gassen« hatte eine enorme Wirkung auf die junge Autorengeneration. Die Werke beider Autoren zeichnen sich durch einen ausgeprägten Enthüllungsdrang aus, den die saudi-arabische Gesellschaft in den 1990er Jahren nicht gewohnt war und die deshalb im eigenen Land verboten waren. Beiruter Verlage sprangen in die Lücke und erzielten damit hohe Verkaufsauflagen.
Indessen fanden die Technologien der Globalisierung breite Nutzung. Das Internet spielte eine maßgebende Rolle bei der Herausgabe und beim Vertrieb der Bücher außerhalb der Reichweite der Macht des Zensors. Von Tag zu Tag wuchs die Zahl der Star-Schriftsteller in der Welt der Internet-Publikationen. Nach dem 11. September interessierten sich arabische und westliche Verleger insbesondere für die Meinung der Gesellschaft zu diesem tragischen Ereignis, für die Schuldfrage und für Saudi-Arabien, das vor dem 11. September extrem isoliert war und heute die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht. In diesem Kontext entstanden viele neue Werke. Mit deren Verbreitung und der zunehmenden Bewunderung, die man für den Mut und die Aufrichtigkeit ihrer Autoren empfand, war die Zeit gekommen, dass auch bisher zögerliche Autoren früherer Generationen den Mut fassten, ans Licht zu treten.
So brach er los, der Tsunami des saudi-arabischen Romans!
LISAN 12 Herbst 2011
148 Seiten ISBN 978-3-905950-11-3
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INHALTSVERZEICHNIS
001 Editorial, Hassan Hammad AKTUELL LITERATUR AUS SAUDI-ARABIEN 034 Raja Alem Meine Tausendundeine Nacht 156 Mitwirkende in dieser Ausgabe |